Das Wort ‚Heimat’ in der sudetendeutschen Dichtung

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Der Begriff ist ein positiver Begriff aber auch ein sehr gefährlicher, wenn er von Nationalisten, aber auch von anderen missbraucht wird.

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„Wir Deutsche im Osten
übten schon zeitig ‚Wacht am Rhein‘;
wenn wir nicht die Heimat so liebten,
wie wäre Deutschland klein!“

Dieser Vers des auch nach 1945 noch beliebten sudetendeutschen Poeten Wilhelm Pleyer aus dem Jahre 1932 weist uns darauf hin, daß es sich keineswegs um ein Privathaus oder um die individuell vertraute Umgebung handelt, wenn sudetendeutsche Poeten, Publizisten oder Politiker über ihre ‚Heimat‘ sprechen. Die Geschichte des Wortes ‚Heimat‘ in der sudetendeutschen Literatur zeigt, daß die sudetendeutsche Heimatkultur auch kein Ausdruck von Vorliebe für vertraute regionale Eigenarten ist. Ihre Traditionen sind mit der Geschichte Deutschlands so eng verflochten, daß sich aus dem Kontext der Geschichte der Böhmischen Länder oder der deutsch-tschechischen Beziehungen deshalb kein adäquater Zugang zum Verständnis und zur Erforschung des sudetendeutschen Heimatbegriffs erschließen läßt. Wie weiter unten gezeigt wird, hat der sudetendeutsche Heimatbegriff mehr mit Deutschland zu tun als mit der multikulturellen Welt der Böhmischen Länder. So wie Pleyer die sudetendeutsche Heimatliebe mit dem „Osten“ und mit dem Lied „Wacht am Rhein“ verknüpft, so kann auch die sudetendeutsche Heimatkultur nicht ohne ihre Zusammenhänge mit den historischen Entwicklungen zwischen dem sog. deutschen Osten und dem Rhein begriffen werden.

Das Wort ‚Heimat‘ gehört zu mißbrauchtesten Wörtern der deutschen Sprache. Die Assoziationen, die es heute erweckt, sind so vielfältig, daß es sich kaum mehr eignet, als Instrument der Verständigung verwendet zu werden. So hat etwa schon 1868 der als Anastasius Grün bekannte österreichische Literat (Anton Alexander Graf von Auerspeg, 1806-1876) in Wien auswärtige Gäste begrüßt, wie wenn Österreich keine ‚Heimat‘ wäre:

„Ihr seid noch in der Heimat, noch im Vaterhaus geblieben,
wie einer Mutter Kinder, eins im Hoffen, Dulden, Lieben! −
Wir waren eins! Wir bleiben eins!
So kommt der deutsche Christtag einst, die große Weihestunde,
dann klingt ein heiliges Weihnachtslied aus aller Deutschen Munde.
Heil sei dem Tag, da alles Korn in Garben aufgeschossen,
und alle Funken in ein Licht, in eine Glorie flossen!“

Deshalb berief sich der Nationalsozialismus auf die sog. völkische Bekenntnisdichtung der Deutschen in Österreich und in den Böhmischen Ländern aus der Zeit 1866-1938 als dem Beweis eines „gesamtdeutschen Erlebnis- und Kulturraumes“ (Heimkehr ins Reich. Großdeutsche Dichtung aus Ostmark und Sudetenland 1866-1938, hg. v. Universitätsprofessor Dr. Heinz Kindermann, Leipzig 1939, S. VII). Wie die sudetendeutsche Dichtung zeigt, sind die Oden an die Heimat in der Tat Bekenntnisse zu alldeutschen Idealen gewesen. Wenn sudetendeutsche Autoren von der Heimat sprachen, erschienen ihre tschechischen Mitbürger und Nachbarn stets als Fremde und Feinde. Als 1933 Konrad Henlein die Sudetendeutsche Heimatfront gründete, behaupteten ihre Abgeordneten zwar, daß sie loyale Staatsbürger der Tschechoslowakei seien und nur das eine oder andere zur Verbesserung ihrer Heimat fordern würden, aber sie suchten damit keineswegs Problemlösungen für regionalpolitische Probleme, sondern den Anschluß an das Deutsche Reich. Als Österreich 1938 vom nationalsozialistischen Deutschland annektiert wurde, sprach man deshalb von der „Heimkehr Österreichs“ und als die Sudetendeutschen den Anschluß der tschechoslowakischen Grenzgebiete an das nationalsozialistische Deutschland wünschten, skandierten sie „Wir wollen Heim ins Reich!“ Der Mißbrauch des Wortes Heimat sorgte damals und sorgt bis heute für Mißverständnisse.

Als das Großdeutsche Reich 1939 mit der als ‚Heimholung‘ bekannten Umsiedlungen der deutschen Minderheiten aus dem östlichen Europa begann, wurde ein Slogan produziert, um den Umsiedlern die Strapazen schmackhaft machen sollte: „sie verloren die Heimat, um das Vaterland zu gewinnen“. Nachdem auch die Sudetendeutschen nach dem Krieg umgesiedelt worden waren, besangen sie gleich zwei Heimaten: „Gott mit Dir, Sudeten-Volke, du der Bayern vierter Stamm, das vertrieben aus der Heimat Bayern in die Obhut nahm! Unsre neue Heimat segne gnädig, auf die alte schau, darum bitten wir Dich, Herrgot überm Himmel weiß und blau.“ Zum Ausdruck ihrer an das heutige Tschechien gerichteten Forderungen verwenden sie einen neuen Slogan: „Das Recht auf die Heimat gilt!“ Es ist nie klar geworden, wo genau diese „Heimat“ zu verorten sei: Tschechien kann es kaum sein, weil ein bekanntes Lied das Sudetenland als ‚mein Heimatland‘ besingt.

Es ist nicht einfach zu verstehen was sudetendeutsche Autoren meinen, wenn sie über die Heimat sprechen und schreiben. Zur Erforschung der Geschichte des Wortes Heimat bietet sich die Geschichte der sudetendeutschen Dichtung als eine anregende Quelle für den Einsteiger. Sie weist eine breite Palette unterschiedlichster Bedeutungen auf, die dem Wort zugeschrieben worden sind. Beim Studium des sudetendeutschen Heimatbewußtseins darf man allerdings nicht der Illusion verfallen, daß die sudetendeutsche völkische Bewegung nur einen beschränkten regionalen Heimathorizont hätte – zur Erinnerung an die anderen Facetten der sudetendeutschen Heimatdichtung, die zum Verständnis unverzichtbar sind, sei zumindest an ein Gedicht aus der Zeitschrift „Der sudetendeutsche Erzieherbrief“ erinnert:

„Die fremde Wildnis schreckt uns nicht mit Falsch und Trug;
Wir geben ihr ein deutsch Gesicht mit Schwert und Pflug.
Nach Ostland fährt der Wind!
Drum, Weib und Kind und Knecht und Gesind’,
auf die Wagen und auf die Pferde!
Wir hungern nach frischer Erde
und spüren den guten Wind!“

Zit. aus Hans Baumann: Nun wird zu eng das weite Land, in: Der sudetendeutsche Erzieher. Gaublatt des NSLB Gau Sudetenland, Jg.1, F.5, Reichenberg 1.3.1939, S. 108

Vor diesem Hintergrund bieten die folgenden Heimatgedichte aus der sudetendeutschen Literatur 1904-2000 einen ersten Einblick in die Geschichte des sudetendeutschen Heimatbewußtseins. Besonders zu beachten sind die während des gesamten 20. Jahrhunderts durchgehend wiederkehrenden Motive wie ‚heimatlos‘ ‚die Heimat ist verloren‘, ’Fremde‘, ‚Verbannte‘, ‚vertreiben‘, ‚Heimkehr‘, ‚Ahnen‘, ‚Blut‘, ‚Erde‘ oder ‚Boden‘, so daß die nach der Vertreibung populären Klagen über den Verlust der Heimat keineswegs neu waren und als ein emotionaler Ausdruck der seelischen Not von umgesiedelten Menschen, sondern viel mehr als eine Tradition gefestigter rhetorischer Redeweisen betrachtet und analysiert werden müssen. Damit könnte ein noch ausstehender Beitrag zur Erforschung der „Ikonographie des Heimwehs: Erinnerungskultur von Heimatvertriebenen“ (so der Titel eines in Freiburg 2002 erschienen Sammelbandes) geleistet werden.

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Das Wort ‚Heimat’ in der sudetendeutschen Dichtung

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Gruß Hubert

 

Neuroleptika bei Demenz

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Kaum zu glauben wie leichtfertig solche potenten Medikamente an Demenzkranke gegeben werde, vor allem in Pflegeheimen.

Lebensgefahr durch Haloperidol



Von Ulrike Viegener / Dass der Einsatz von Neuroleptika bei Demenzkranken zu einer erhöhten Sterblichkeit führt, ist seit Jahren bekannt. Eine kürzlich veröffentlichte amerikanische Studie unterstreicht die Problematik des Off-Label-Use und weist auf relevante Unterschiede im Gefahrenpotenzial unterschiedlicher Neuroleptika hin.

Unter Haloperidol waren in der in der großangelegten Kohortenstudie doppelt so viele Todesfälle zu verzeichnen wie unter dem Standardneuroleptikum Risperidon (Hazard Ratio 2,07). Für Quetiapin wurde die vergleichsweise geringste Sterblichkeit verifiziert (Hazard Ratio 0,81).

 

Die viel geübte Praxis, Demenz-patienten mit Antipsychotika ruhigzustellen, wird schon lange heftig kritisiert. Zunächst waren es allein ethische Bedenken, dann kamen medizinische Gründe hinzu.

Foto: picture-alliance

Ausgewertet wurden die Daten von rund 75 000 Pflegeheimbewohnern, die mit Neuroleptika behandelt worden waren. Dabei wurden alle Todesfälle berücksichtigt, die nicht durch Krebs verursacht wurden. 6598 der erfassten Patienten verstarben innerhalb von sechs Monaten nach Beginn der Neuroleptika-Therapie. In rund 50 Prozent der Todesfälle waren kardiovaskuläre Komplikationen die Todesursache, in 10 Prozent zerebrovaskuläre Komplikationen, und respiratorische Komplikationen machten 15 Prozent der Todesursachen aus.

 

Die besondere Gefährlichkeit von Haloperidol war durchgängig: Sie war in puncto Gesamtmortalität zu verifizieren, aber auch für alle nach Todesursache differenzierten Untergruppen. Dasselbe gilt für die vergleichsweise geringste Gefährlichkeit von Quetiapin. Die Unterschiede zwischen den Neuroleptika blieben nach multivariater Datenanalyse bestehen. Damit bestätigt die neue Studie frühere Hinweise auf ein unterschiedliches Risikopotenzial verschiedener Neuroleptika.
In der aktuellen Studie war eine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung feststellbar: Unter der höchsten Haloperidol-Dosis fand sich gegenüber der niedrigsten verwendeten Dosis eine um 84 Prozent erhöhte Sterblichkeit. Auch eine zeitliche Beziehung zwischen Sterblichkeit und Neuroleptikatherapie ließ sich aufzeigen: Die meisten Patienten verstarben innerhalb der ersten 40 Tage nach der ersten Haloperidol-Gabe. Das sind starke Indizien, wenn auch kein hieb- und stichfester Beweis für einen Kausalzusammenhang.

 

Demenz wird beschleunigt

 

Eigentlich hätten allerdings bereits die seit Jahren verfügbaren Daten zur Gefährlichkeit von Neuroleptika zu einem kritischen Einsatz dieser hochwirksamen Substanzen bei Demenzkranken führen müssen. Doch nach wie vor gehört die Langzeitanwendung von Neuroleptika zum Alltag auch in deutschen Seniorenheimen. Die Anwenderzahlen sind in den vergangenen Jahren sogar noch gestiegen.
Die viel geübte Praxis, Demenzpatienten mit Antipsychotika ruhigzustellen, wird schon lange heftig kritisiert. Zunächst waren es allein ethische Bedenken, dann kamen medizinische Gründe hinzu. Die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA sah sich bereits 2005 veranlasst, wegen der erhöhten Sterblichkeit (um 60 bis 70 Prozent) vor dem Einsatz von atypischen Neuroleptika bei Demenz zu warnen. Im Jahr 2008 wurde die Warnung auf konventionelle Neuroleptika ausgeweitet. Und außer der erhöhten Todesrate gibt es noch einen weiteren gravierenden Einwand: Neuroleptika führen bei Demenzkranken nachweislich zu einem beschleunigten Abbau der kognitiven Fähigkeiten.

 

 Unkritischer Einsatz

 

In der Praxis werden diese Daten weitgehend ignoriert. Neuroleptika werden bei Demenz – ohne entsprechende Zulassung – im großen Stil gegen Aggressivität und innere Unruhe sowie nächtliches Umherwandern eingesetzt. Kritiker argumentieren, Neuroleptika würden gegen problematisches Verhalten eingesetzt, um dem Personal die Pflege zu erleichtern und das eigentliche Problem des Pflegenotstandes zu kompensieren.

Dafür spricht, dass Neuroleptika in aller Regel nicht kurzfristig, sondern als Langzeitmedikation gegeben werden. Auch liegen Studien vor, die darauf hinweisen, dass Neuroleptika Demenzkranken sehr unkritisch verabreicht werden – unabhängig von der neuropsychiatrischen Symptomatik. In einer Querschnittsstudie aus 2010 wurden 52 Prozent der erfassten Demenzpatienten mit Neuroleptika behandelt, 30 Prozent erhielten ein Antidepressivum und nur 17 Prozent bekamen Antidementiva, die laut den Leitlinien obligat sein sollten (2).
Besser geeignet als Neuroleptika wären in vielen Fällen Antidepressiva oder auch psychotherapeutische Ansätze, die aber natürlich viel aufwendiger sind als die Gabe von Medikamenten. Häufig mangelt es auch an einer entsprechenden Ausbildung der Pflegekräfte. /

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Neuroleptika bei Demenz

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Gruß Hubert

Wie mich zwei Ärzte von meinem Schwulsein heilen wollten – Teil 2

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In Dresden erklärt mir der Arzt, welche Ursachen für Homosexualität aus seiner Sicht infrage kommen. Häufig wertschätze der Vater seinen Sohn nicht genug. Oder die Mutter überbehüte den Sohn. Oder seine potenziellen Patienten seien nicht in ihrer „Peergroup“ angekommen, fühlen sich also nicht als Junge unter Jungen oder als Mann unter Männern. Langsam werde ich wütend. Wie kann ein approbierter Arzt, der an einer Universität studiert hat, derlei behaupten?
Wer mag Hilfe bei ihm suchen? Es sind wohl junge Männer, die sich von Familie, Freunden oder Gemeinden unter Druck gesetzt fühlen. Für manche ist eine offen ausgelebte Homosexualität aus Glaubensgründen undenkbar. Ich spreche während der Recherche mit Menschen, die erfolglos an Seminaren teilgenommen haben, um von ihrer Homosexualität wegzukommen. Vieles laufe im Verborgenen ab, sagen sie, solche Angebote würden oft unter der Hand empfohlen. Zahlen über Teilnehmer und Patienten, über Seminare und Therapien gibt es nicht. Aber auch wenn es sich um eine kleine Minderheit der Ärzte handeln dürfte: Ihr Ansinnen ist gefährlich.
Die Bundesärztekammer warnt vor den gravierenden Folgen solcher Umpolungsversuche. Im vergangenen Herbst hat sie nach der Generalversammlung des Weltärztebundes noch einmal in einer öffentlichen Erklärung klargestellt, dass Homosexualität keine Erkrankung ist. Sogenannte Konversionstherapien seien nicht nur unwirksam, sondern könnten sich negativ auf die Gesundheit auswirken.
Auch die Oberärztin Lieselotte Mahler hat sich mit den möglichen Folgen solcher Veränderungsversuche beschäftigt: „Das Gefühl, in der Therapie versagt zu haben, kann zu tiefen Depressionen und Angststörungen bis hin zu Selbstmorden führen“, sagt sie. Mahler ist Psychiaterin an der Berliner Charité und leitet bei der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie das Referat für sexuelle Orientierung. Sie vermutet, dass kein Psychotherapeut heute noch offiziell Konversionstherapien anbietet, doch Diskriminierung und veraltete Therapieansätze kämen vermutlich vor. „Da gibt es sicher eine hohe Dunkelziffer“, so Mahler.
Umpolungstherapien können also nachweislich schlimme Folgen haben. Konsens unter allen Medizinern? Ganz offensichtlich nicht. Der katholische Arzt Gero Winkelmann beispielsweise hält die Warnung der Bundesärztekammer vor Veränderungsversuchen für eine „Katastrophe“ und für „wissenschaftlich nicht ganz ausgegoren“. Ich treffe ihn auf einem Christlichen Gesundheitskongress in Bielefeld – einer Messe für strenggläubige Ärzte und Pfleger. Bibeltreue Organisationen beider Konfessionen stellen hier aus, werben für ihre Positionen – engagieren sich zum Beispiel gegen jede Form von Schwangerschaftsabbruch. Die Teilnehmer beten gemeinsam und diskutieren über den Einfluss von Religion auf die Gesundheit.
Dort vertritt Gero Winkelmann an einem Stand den Bund Katholischer Ärzte. Die Medizinergruppe protestiert gegen Abtreibung und warnt außerdem vor „psychischen und medizinischen Gefahren eines Zusammenlebens ohne Trauschein“. Ihr Vorsitzender Winkelmann hat vor einigen Jahren auch einen sogenannten Forschungskreis Homosexualität gegründet. Nach eigenen Angaben gehören diesem Kreis inzwischen etwa zwanzig Mediziner an. Dabei gehe es „primär“ um das „Aufzeigen von Hilfs- und Therapiemöglichkeiten“, heißt es auf der Homepage.
In einem Faltblatt behauptet der Bund Katholischer Ärzte, Homosexualität sei eine „psychische Störung“. Gero Winkelmann findet, Ärzte sollten Homosexuellen die schwere Last nehmen, die sie tragen, damit sie nicht mehr unter Druck stünden, sich sexuell derart zu benehmen. Winkelmann glaubt außerdem, dass man Homosexuelle homöopathisch therapieren kann und schlägt eine Art Entgiftung vor. So soll der Körper von Krankheiten vorheriger Generationen wie Syphilis und Tuberkulose gereinigt werden. Solche „Erbkrankheiten“ können seiner Ansicht nach der Grund für Homosexualität sein.
Ich hätte niemals gedacht, dass es im Jahr 2014 mitten in Deutschland tatsächlich Ärzte gibt, die Homosexuelle homöopathisch behandeln oder unter dem Deckmantel einer Psychotherapie umpolen wollen. Ich recherchiere weiter und entdecke im Internet einen niedergelassenen Arzt aus Hamburg. Er ist Internist und reist offenbar immer wieder durch Deutschland, um in freien Gemeinden für die Heilung von Gläubigen zu beten.
Die Gemeinden gehören zur pfingstlich-charismatischen Bewegung. Deren Anhänger glauben, dass der Heilige Geist ihnen bestimmte Gaben verleiht, sogenannte Charismen, zu denen das Heilen von Krankheiten gehört. Auch der Hamburger Arzt glaubt, dass selbst schwere Krankheiten wie Krebs durch Gott und Gebet heilbar sind. Ob er meine Homosexualität als Krankheit sieht?

92,50 Euro für die Behandlung einer psychischen Störung

Ich besuche den Heilungsgottesdienst einer Freikirche in Süddeutschland, bei dem er als Gastredner auftritt. Am Ende der Veranstaltung strömen viele Gläubige nach vorn, um persönlich um Heilung zu bitten. Auch ich gehe zu ihm, möchte den Arzt fragen, ob er meine Homosexualität für heilbar hält. „Keine Frage! Logisch!“, antwortet er. Aus einem kleinen Fläschchen reibt er mir Öl auf die Stirn und betet für mich. Ich solle ab jetzt alle zehn Minuten zu Gott beten. Wenn meine Homosexualität in einigen Tagen nicht verschwunden sei, solle ich in seine Hamburger Praxis kommen.
Knapp zwei Wochen später habe ich einen Termin in seiner Sprechstunde. Er lässt im Behandlungszimmer die Jalousien herunter; mir ist unheimlich zumute. Dann erklärt er, er wolle mir den „Geist der Homosexualität“ austreiben. Der Arzt legt mir seine Hände auf Kopf und Brust und drückt mich auf dem Stuhl langsam nach hinten. Wie schon beim Gottesdienst reibt er mir Öl auf die Stirn und betet. Anschließend erkundigt er sich nach dem Erfolg seiner Dämonenaustreibung. „Hast du das eben gemerkt? Dass da so eine Wolke rausgekommen ist?“ Ich habe nichts bemerkt, der Arzt schon: Mindestens ein Geist sei rausgegangen.
Ich sitze im Sprechzimmer eines approbierten Arztes und erlebe eine Art Exorzismus. Ich frage mich: Lässt er sich das von der Kasse bezahlen? Am Ende der Sprechstunde sagt er, das Gebet sei kostenlos, bittet mich aber um eine Spende. Er fügt hinzu, einen kleinen Betrag werde er über die Krankenkasse abrechnen. Der Dresdner Arzt erklärte mir dagegen ganz offen, dass er seinen Veränderungsversuch als „tiefenpsychologische Therapie“ mit der Krankenkasse abrechne. Zahlen also alle Versicherten für solche dubiosen Umpolungen?
Ich hatte mich bei beiden Ärzten als privat versichert ausgegeben, sodass ich die Abrechnungen mit der Post zugeschickt bekomme. Tatsächlich erhalte ich von beiden Ärzten Rechnungen, die für die Krankenkasse bestimmt sind. Der Dresdner Arzt verlangt für die erste Sitzung 92,50 Euro – für die Behandlung einer psychischen Störung. Und der Hamburger Arzt rechnet 40,22 Euro für die „Erörterung einer lebensverändernden Erkrankung“ ab. Mit solchen lebensverändernden Erkrankungen meint die Gebührenordnung eigentlich Krankheiten wie Krebs. Beide Ärzte haben mir versichert, dass die Abrechnung mit den Kassen völlig problemlos sei.
Ich frage mehrere große Krankenversicherungen, ob sie Fälle von Umpolungstherapien kennen. Von den Kassen heißt es, dass ihnen der Inhalt von Therapiegesprächen nicht bekannt sei. Ich möchte wissen, ob die Abrechnung solcher Veränderungsversuche denn grundsätzlich zulässig sei. Erstaunlicherweise weichen die Kassen aus: Techniker, AOK und Barmer verweisen auf die Therapiehoheit der Ärzte und auf komplexe Genehmigungsverfahren. Der Verband der Privaten Krankenversicherung schreibt, dies sei eine rechtliche Frage, die Entscheidung liege nicht beim Verband. Der Hamburger Arzt selbst hat ein Interview mit dem NDR aus Termingründen abgelehnt. Schriftliche Fragen lässt er unbeantwortet.

Auf die Frage, ob das erlaubt sei, antwortet keine Versicherung mit Nein

Manche Ärzte halten Homosexualität für eine Störung. Sie schicken Abrechnungen, um dubiose Behandlungen von den Krankenversicherungen bezahlen zu lassen. Auf die Frage, ob das erlaubt sei, antwortet keine einzige der angefragten Versicherungen mit einem klaren Nein. Das verstehe ich nicht.
Mit welchen Konsequenzen müssen Ärzte und Psychotherapeuten bei solchen Behandlungsmethoden rechnen? Die Bundesärztekammer schreibt, Homosexualität sei keine Krankheit und erfordere deshalb „keinerlei Heilung“ – auch keine „homöopathische Behandlung“. Sie erklärt, „Gebet und Dämonenaustreibung“ seien keine ärztlichen Behandlungsmethoden. Zu einer Psychotherapie mit dem Ziel, die sexuelle Orientierung zu verändern, äußert sich die Bundesärztekammer allerdings nicht. Ob ein Verstoß gegen eine ärztliche Berufsordnung vorliege, könne nur in Kenntnis des konkreten Falls und nur von der entsprechenden Ärztekammer beantwortet werden.
In Dresden glaubt der Arzt am Ende der Sitzung, den Grund für meine Homosexualität gefunden zu haben: Am Kinn habe ich seit meiner Geburt eine Narbe. Sie stammt von einem kleinen Blutschwamm, der mir wenige Wochen nach der Geburt während einer Operation herausgeschnitten wurde. Deshalb sei ich wahrscheinlich schwul geworden, sagt der Arzt. Manchmal entstehe Homosexualität dadurch, dass man mit dem eigenen Körper unzufrieden sei.

Co-Autoren: Oda Lambrecht, Jennifer Stange

Wie mich zwei Ärzte von meinem Schwulsein heilen wollten – Teil 2

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Gruß Hubert

Wie mich zwei Ärzte von meinem Schwulsein heilen wollten

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Nicht wenige Leute tun bei der Homosexualität ja so, als ob sie sich ihr Schwulsein selbst aussuchen würden, als wenn sie eventuell nach einer Enttäuschung mit einer Frau beschließen würden sich dem eigenen Geschlecht zuzuwenden.
Oder vielleicht glauben sie ja, dass sie es aus einer Laune heraus, oder aus Jux und Tollerei tun. Andere wieder, vor allem konservative, rechte und christliche Kreise klassifizieren die Homosexualität als psychische Störung, die heilbar wäre. Ich habe noch von keinem Fall gehört, der nach einer solchen Behandlung vom Homosexuellen zum Heterosexuellen geworden wäre.
Homosexualität ist eine Veranlagung, die sozusagen in den Genen oder der DNA liegt. Sie ist auch nicht widernatürlich, wie konservative oder reaktionäre Kreise behaupten, vor allem die christlichen Kirchen, die eine schon lange überholte Bibel zu Rate zieht, wo hervorgeht, dass es eine Gräuel sei, wenn ein Mann beim Manne liegt. Was die Natur hervorbringt kann nie unnatürlich sein. Im übrigen gibt es Homosexualität auch im Tierreich. Was die Fortpflanzung betrifft, die auch gerne zum Argument gemacht wird, so kann die Menschheit leicht darauf verzichten, wenn sich einige Menschen (so wie auch katholische Priester, zumindest offiziell) nicht vermehren. Das Problem ist vielmehr die Gefahr einer Bevölkerungsexplosion. So sollen bis zum Jahr 2050, 3 Milliarden Menschen hinzukommen. Wie man weiß ist die Erde endlich und diese Menschen müssen alle ernährt werden (aber vielleicht schafft es ja Bayer jetzt mit dem Monsanto-Einkauf…).
Meist wird auch nur von den homosexuellen Männern als Problem gesprochen. Was ist mit den Lesben? Ist da der Sex „sauberer“ oder „hygienischer“, weniger „widernatürlich“? Wie ich mal hörte soll es auch bei Heterosexuellen Analverkehr geben.😉 Ist ein weiblicher A.. ääh, Po, hygienischer und natürlicher als ein männlicher? Aber klar, würde bei bibeltreuen Christen auch unter schwere Sünde fallen. So vermehrt man sich ja schließlich nicht.
Außerdem sollten Homosexuellen dieselben Rechte wie Heterosexuelle haben, denen sie auch nichts wegnehmen. Mit welcher Begründung sollte man ihnen Rechte vorenthalten? Das wäre eine unzumutbare Diskriminierung. Es ist höchste Zeit dass man ihnen diese Rechte in allen Bereichen gibt. Manche rechte Kreise sagen auch, dass Homosexuelle gar privilegiert würden. Die konkreten Beweise bleiben sie aber schuldig. Man kann sich auch nur höchst wundern, dass in Deutschland bis zum Jahr 1969 der Paragraf 175 gegolten hat, also keine 50 Jahre her.
Rund 5.000 Männer wurden in der Bundesrepublik verurteilt, auch zu Gefängnis- und Zuchthausstrafen. Aus heutiger Sicht fanden die Prozesse ohne Rechtsgrundlage statt, der Paragraf war verfassungswidrig.
Mir ist unbekannt, dass auch nur ein Homosexueller aufgrund dieser verfassungswidrigen Bestrafung eine Entschädigung erhielt.
Vor den Folgen einer „Behandlung“, wo man Homosexuelle „umzupolen“ versucht, warnt die Bundesärztekammer. Ich denke, dass so eine Homosexueller schon ziemlicher christlicher Gehirnwäsche unterlegen sein muss, wenn er sich so einer Psycho-Therapie / Behandlung hingibt. Natürlich mit Erfolgsaussicht Null.
Hier der Bericht aus der ZEIT von zwei evangelikalen Ärzten, die angeblich Wunderheiler in Sachen Homosexuelle von ihrer „Krankheit“ heilen sein sollen, sie also zu Heterosexuellen machen, die „richtig“ reiten – natürlich nur für bibeltreue Christen. Also kurz gesagt so genannte „Umpoler“.

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Mit Psychotherapie und Gebeten gegen Homosexualität: Was selbsternannte Schwulenheiler bei deutschen Krankenkassen abrechnen. Ein Erfahrungsbericht

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Meine Behandlung beginnt mit einer klaren Ansage: „Sie sind hier richtig. Ich bin davon überzeugt, dass Veränderung möglich ist.“ Der das sagt, ist approbierter Arzt in Dresden. Ich bin Journalist und schwul. Ich habe gehört, dass dieser Allgemeinmediziner homosexuelle Menschen heilen will, sie „umpolen“ – von schwul zu hetero.
Der Termin, den mir der Arzt am Telefon gegeben hat, liegt außerhalb seiner normalen Sprechstunde. Als mir die Arzthelferin die Tür öffnet, betrete ich eine Hausarztpraxis, wie es sie in Deutschland wohl tausendfach gibt: Auf den Tischen im Wartebereich liegen Illustrierte, hinter der Anmeldung surrt der Drucker. Wahrscheinlich sitzen hier sonst Patienten mit Husten. Jetzt bin ich allein.
Der Arzt ist ein unscheinbarer Mann mittleren Alters. Er begrüßt mich freundlich, wirkt zurückhaltend und verbindlich. Doch im Sprechzimmer wird er bestimmend. Er gibt mir genaue Anweisungen, wo ich meine Jacke hinlegen, auf welchen Stuhl ich mich setzen soll. Dann legt er die Hände auf seine Knie, die Handflächen zeigen nach oben. Er bildet mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis. Dabei blickt er mich schweigend und durchdringend an. Ich frage mich, was er gerade macht: Hypnotisiert er mich? Meditiert er? Betet er?
Eine längere Recherche in strenggläubigen christlichen Kreisen hat mich zu diesem Arzt geführt. Am Ende der ersten Behandlung wird er sagen, er rechne mit mindestens einem Jahr Psychotherapie, um meine Homosexualität zu kurieren.

Wie oft befriedigen Sie sich selbst? Woran denken Sie dann?

Schwulenheilung als kassenärztliche Leistung? Schwulsein als Krankheit? Ich bin schwul, solange ich denken kann. Schon in der Grundschule fand ich Jungs interessanter als Mädchen. Wenn ich mich zurückerinnere, war die Homosexualität von Anfang an in mir. Ich habe es mir nicht ausgesucht, schwul zu sein – aber ich wollte auch nie anders sein.
Der Arzt, vor dem ich nun sitze, hat offenbar ein größeres Problem damit als ich. Er erklärt mir, dass Homosexualität eine „neurotische Fehlentwicklung“ sei. Er könne mir keine Garantie für eine Veränderung geben. Aber er wolle mir Hoffnung machen, dass sich meine Sexualität am Ende auf Frauen beziehe, so wie Gott es angelegt habe. Ich frage ihn, ob ich der Einzige mit diesem Problem bei ihm in Therapie sei. Er schüttelt den Kopf und lächelt: „Nein.“
Im Laufe der ersten Sitzung stellt der Arzt mir intimste Fragen: Haben Sie Ihre Homosexualität mit anderen Männern ausgelebt? Benutzen Sie Internetpornografie? Haben Sie deswegen ein schlechtes Gewissen? Wie oft befriedigen Sie sich selbst? Woran denken Sie dann? Haben Sie schon Versuche unternommen, die Selbstbefriedigung zu unterbinden? Irgendwann halte ich es kaum mehr aus, spiele mit dem Gedanken, die Sitzung abzubrechen. Ich habe Kopfschmerzen.
Dieser Dresdner Arzt gilt in bibeltreuen Kreisen offenbar als Geheimtipp, dort bietet er „Männern in Krisen“ seine Hilfe an. Evangelikale Christen wie er halten Homosexualität für eine Sünde. „Schöpfungswidrig“ nennt das ihr Dachverband, die Deutsche Evangelische Allianz. Dieses Netzwerk verschiedener Organisationen und Gemeinden versteht sich als „Bund von Christusgläubigen“. Sie legen die Bibel sehr eng aus und glauben an ihre „Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung“. Eine historisch-kritische Bibelinterpretation lehnen die Evangelikalen im Gegensatz zur Mehrheit der deutschen Protestanten ab.
Da in der Bibel steht, dass ein Mann nicht bei einem Mann liegen soll wie bei einer Frau, weil das dem Herrgott ein „Gräuel“ sei (3. Mose 18,22), werden homosexuelle Partnerschaften abgelehnt.

Lorenz Gallmetzer: Vom Genuss- zum Problemtrinker

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Lorenz Gallmetzer (* 11. Jänner 1952 in Bozen) ist ein Südtiroler Journalist und Buchautor. Von 1981 bis 2011 arbeitete er für den Österreichischen Rundfunk (ORF) u.a. als Auslandskorrespondent in Paris und Washington. Gallmetzer lebt als freier Publizist in Wien.
https://de.wikipedia.org/wiki/Lorenz_Gallmetzer

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Man wird schneller zum Alkoholabhängigen und damit zum Alkoholkranken als man denkt.  Lorenz Gallmetzer dazu in einem Interview bei Kurier.at

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Lorenz Gallmetzer

Foto: KURIER/Gilbert Novy  – Interview mit dem österreichischen Autor Lorenz Gallmetzer. Wien, am 05.08.2016.
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Lange war Alkohol für ihn der Treibstoff für Kreativität. Bis der ehemalige ORF-Journalist merkte, dass ohne ihn nichts mehr ging.

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Alkohol war ein Teil seines Lebens – und Elixier seiner Lebensgier, wie Lorenz Gallmetzer selbst sagt. Eine Gier, die ihn über Jahrzehnte nicht nur zum Suchenden machte, sondern zum Suchtkranken, dem in Kalksburg, der größten Suchtklinik Europas, der Entzug gelang. Jetzt erzählt der ehemalige ORF-Journalist in einem beeindruckenden Buch nicht nur erstmals seine eigene Sucht-Geschichte, sondern zeichnet die Schicksale jener Menschen, denen er im Rahmen seiner Therapie im Anton-Proksch-Institut (API) begegnet ist. Mit dem KURIER sprach er über den Weg in die Sucht und aus ihr heraus – genauso wie über die Gründe seines Outings und über den Umgang mit Alkohol in unserer Gesellschaft.

KURIER: Der Alkohol, der kann was, schreiben Sie. Welche Funktion hatte er in Ihrem Leben?

Lorenz Gallmetzer: Der Alkohol war für mich ein Stimulans für jede Gelegenheit. Anregend am Vormittag und zu Mittag, als Treibstoff für Kreativität am Nachmittag. Und abends, um in Feierlaune zu kommen oder sich nach einem harten Tag zu sedieren. Ich war immer ein Spiegeltrinker. Je nachdem, wie das Leben ausgesehen hat, war ich ab dem Vormittag leicht eingespritzt. Aber immer so, dass mein Bewusstsein, meine Konzentration trotzdem voll funktionierten. Ich habe zirka dreißig Jahre lang viel und regelmäßig getrunken, und konnte das mit meinem Leben ohne Probleme gut vereinbaren. Irgendwann wurde es erst ein spürbares, dann ein ernstes Problem. Weil der Alkohol auf Dauer sowohl die Psyche als auch den Körper beeinträchtigt. Bei mir kam es irgendwann zu einem Punkt, wo ich gemerkt habe, dass ich ohne Alkohol nicht mehr funktionieren kann.

Wie fühlte sich das an?

Na ja, dass ich mir schwertat, mich aufzuraffen, um Stress in Angriff zu nehmen und zu bewältigen. Da habe ich dann vorher einen Schluck gebraucht. Dass man in meinem Beruf als Journalist, wenn ich an ausgefeilten Texten schrieb, dauernd eine Zigarette und einen Schluck Wein brauchte. Das war über Jahre eingeübt und hat mich zugleich beruhigt und gelockert. Oder wenn ich einen sehr stressigen Tag hinter mir hatte, war dann der Alkohol der Tranquilizer. In diesem Moment merkt man, dass es ohne nicht mehr geht.

Sucht und Suche gehören auf ihre Weise zusammen – was haben Sie gesucht, was hat Sie in die Sucht schlittern lassen?

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Lorenz Gallmetzer

Foto: KURIER/Gilbert Novy

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Jedes Suchtmittel hat viele positive Wirkungen – und die sucht und wünscht man sich, wenn man sie einmal kennengelernt hat. Professor Michael Musalek (Leiter des Anton-Proksch-Instituts, Kalksburg) sagt, dass jedes Suchtmittel in Wirklichkeit ein Zaubermittel ist, das vieles kann. Das Problem ist die regelmäßige Einnahme in größeren Mengen sowie die Nebenwirkungen, die schädlich sind. Bei mir war es so, dass ich – so wie andere Jugendliche auch – ab der Pubertät probiert und mitgetrunken habe. Dazwischen kam eine Phase, in der ich eineinhalb Jahre lang keinen Alkohol, aber dafür andere Drogen konsumierte. Haschisch, aber auch LSD und Aufputschmittel. Irgendwann habe ich gemerkt, die Auswirkungen sind so stark, dass mir das Angst gemacht hat und mir unheimlich war. Ich habe von einem Tag auf den anderen damit aufgehört. Mit dem Alkohol ging das nicht so einfach. Da habe ich viele Jahre gebraucht, bis ich zum regelmäßigen Trinker und Vieltrinker geworden bin. Und das war auch gesellschaftlich auf der Tagesordnung, weil alle getrunken haben. Und in meinem Beruf besonders.

Sie sagen von sich selbst, Sie wären ein „Suchtcharakter“?

Hätte ich nicht eine gewisse psychische Voraussetzung mitgebracht, hätte ich vielleicht noch 20 Jahre weitertrinken können, ohne dass die schiefe Ebene der Alkoholkrankheit entstanden wäre. Ich glaube, dass bei mir letztlich die Basis, der Nährboden und der tiefere Grund für die Sucht die psychische Konstitution und mein psychisches Gerüst sind. Einerseits meine psychische Befindlichkeit, weil ich eine Reihe von Dingen erlebt hatte, durch die ich schon einmal angeschlagen war – persönliche Schicksalsschläge, Tod des Vaters, Tod einer engen Freundin, Trennung von meiner zweiten Frau, Schwierigkeiten im Beruf usw. Das hat mich psychisch destabilisiert. Andererseits war ich durch den langen Alkoholkonsum nicht mehr so gut gerüstet, mit diesen Problemen umzugehen. Denn auf die Dauer fördert Alkohol sowohl die Depression als auch die anderen psychischen Schwierigkeiten, die man in sich trägt.

Steckt in der Sucht auch Todessehnsucht?

Ich habe insgesamt über 16 Jahre Psychotherapie hinter mir, davon drei Jahre Analyse in Paris, zwei Mal die Woche. Ich habe Hypnotherapie gegen Süchte probiert, und bin jetzt seit über 10 Jahren in Psychotherapie. Bei Freud gibt es ja die Todessehnsucht. Mein Therapeut sagt: In jedem gibt es die Angst vor dem Sterben, aber es gibt auch die Angst vor dem Leben. Ich glaube, ich schwanke zwischen beiden dauernd hin und her.

Wie ist dieser Punkt, an dem man weiß: Alkohol ist ein Riesenproblem für mich? Wann kam der bei Ihnen?

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Lorenz Gallmetzer

Foto: KURIER/Gilbert Novy

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Ich bin ein extrem offener Mensch. Insofern habe ich auch meiner Umwelt gesagt, irgendwie hat mich der Alkohol im Griff und habe mich gleichzeitig in psychotherapeutische Behandlung begeben. Nicht nur wegen der Sucht, sondern auch wegen der anderen Probleme, die die Sucht gesteigert haben. Richtig bergab ist es nach meiner Krebserkrankung gegangen. Da hatte ich nach der Strahlen- und Chemotherapie einen Nervenzusammenbruch und mich selbst ins AKH einliefern lassen. In der Folge ging ich sechs Wochen in eine Burn-out-Klinik. Danach war ich ein Jahr lang in guter Verfassung, habe nicht getrunken.

Und was ließ Sie wieder anfangen?

Meine Grundstimmung, die ich seit früher Kindheit habe, eine schwere drückende melancholische Dauerstimmung mit Weltschmerz, Wehmut und Pessimismus, die habe ich auch durch die Abstinenz nicht überwunden. Weil ich gesehen habe, nach diesem Jahr, das nutzt nix, die gesunde Lebensweise, habe ich wieder zu trinken begonnen. Allerdings sehr bewusst. Rund um meinen 60. Geburtstag bin ich schlafen und am nächsten Morgen gemütlich in den Supermarkt gegangen und habe mir ein Flascherl gekauft. Zuerst hab ich wenig getrunken – das war die Falle, weil ich mir dachte: geht eh! Obwohl alle Experten sagten, wenn man richtig alkoholabhängig ist, kann man nicht wenig oder kontrolliert trinken. Also sind die Mengen gestiegen und nach einem halben Jahr war ich wieder dort, wo ich begonnen hatte. Dann erlebte ich drei Jahre lang Sisyphus – mit Selbstentzügen, Medikamenten und Kuren, die ich mir selbst bezahlt habe. Irgendwann konnte ich mich selbst nicht mehr ausstehen und bin zum Prof. Musalek gegangen, aber nicht mit der Absicht, ganz aufzuhören. Ich wollte so ein Mittelding – mit Medikamenten und Therapie. Musalek hat erbarmungslos gesagt, das gehe nur bei Risiko- und Problemtrinkern, die noch keine krankhafte Abhängigkeit entwickelt haben. „Aber für Sie ist nur die Abstinenz angesagt. Kommen Sie zu mir in die Klinik.“ Das habe ich dann gemacht.

Und da sind Sie im Laufe der Behandlung anderen Suchtkranken begegnet, deren Geschichten Sie so berührt haben, dass Sie sie in Ihrem Buch erzählen. Konnten Sie dabei eine Grundmelodie der Sucht entdecken?

Einerseits gibt es eine Gemeinsamkeit, in dem Moment, wo man sich aufgrund einer Sucht in Behandlung gibt und in eine Art geschlossene Anstalt. Es gibt Gemeinsamkeiten, weil man ähnliche Probleme hat. Nicht die gleichen, aber ähnliche. Alle haben ein Suchtproblem, und wollen etwas dagegen machen. Ich bin ja in meinem Leben und in meinem sozialen Umfeld vielen Suchtkranken begegnet, am meisten Alkoholikern. Aber so lange die sich nicht eingestehen, dass sie ein Problem haben, ist die Gemeinsamkeit gering. In Kalksburg ist die Melodie in der Tat eine gemeinsame. Weil alle von einem unheimlichen Leidensdruck kommen, sonst wären sie da nicht hingegangen. Was die Ursachen und die Mechanismen der Sucht betrifft, gibt es enorme Unterschiede, was die Kindheit, die Entwicklung, das soziale Umfeld, den Bildungsstand usw. betrifft. Und dann gibt es wieder eine große Gemeinsamkeit, ab dem Moment, an dem jemand wirklich in die Sucht geschlittert ist, egal, in welche Sucht. Wie man dazukommt, nicht. Aber wenn man einmal drinsteckt, schon. Etwa dieser permanente Kampf gegen das Suchtmittel. Und dass es zum zentralen Element deines Lebens wird, dass es dir einen Großteil deiner vitalen Energien raubt. Du musst immer mit dir kämpfen. Das ist beim Alkoholiker sehr speziell, denn der Stoff ist omnipräsent, in jedem Supermarkt.

Und warum Ihr Outing?

Mir wurde klar, dass ich die Erzählungen über die anderen mit mir selbst verknüpfen muss und auch meine Geschichte erzählen möchte.

Und dann das Wissen: kontrolliertes Trinken geht nicht, nie wieder Alkohol. Ist das wie ein Tod, wie fühlt sich das an?

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Lorenz Gallmetzer

Foto: KURIER/Gilbert Novy

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Schrecklich. Es ist unmöglich, nicht vorstellbar. Es ist das, womit sich so gut wie alle schwertun. Einerseits sagt man „nie wieder“, weil so schlecht, wie es mir gegangen ist, will ich nicht, dass es mir wieder geht. Ich war trotzdem nicht überrascht, dass etliche meiner Interviewpartner für das Buch zum Schluss des Gesprächs gesagt haben: „Nie wieder kann ich mir nicht vorstellen. Jetzt einmal für sehr lange Zeit nicht.“ Der eine hat gesagt, bis zum 55. Geburtstag nicht, – und dann wird er sich ein Geschenk erlauben. Was vielleicht gar nicht so schlecht ist, denn mit dieser Idee „Nie wieder in meinem Leben“ zu leben, ist fast unmöglich. Das kommt fast einem Tod gleich.

Die Orpheustherapie in Kalksburg geht einen anderen Weg?

Ja, und darauf ist Prof. Musalek nach einem Mittagsschlaf gekommen, sagt er. Er dachte sich, eigentlich wird etwas von den Patienten verlangt, was er selbst nie könnte. Nämlich zu etwas, das das Wichtigste, Zweit- oder Drittwichtigste im Leben ist, zu sagen: nie wieder. Er meint, das geht nicht. Also muss man schauen, dass die Sucht weniger wichtig wird – und andere Dinge wichtiger.

Wie schafft man das – von Tag zu Tag?

Ich weiß, dass ich nie wieder in meinem Leben normal trinken kann. Weil das Suchtgedächtnis im Hirn das verhindert. Ich versuche, so wenig wie möglich daran zu denken, denn wenn man das tut, wird man schnell demotiviert und deprimiert. Da ist es mir lieber, zu sagen: nur heute nicht. Was morgen ist, werden wir sehen. Vielleicht trinke ich sogar morgen, das überlege ich mir jetzt nicht. Den heutigen Tag nehme ich mir vor, nichts zu trinken. Wenn man sich das jeden Tag sagt und über den Tag kommt, ohne zu trinken, hat man schon die Hälfte der Strecke.

Wie findet man besagte „wichtigere Dinge“ – die kann man ja nicht herbeizaubern?

Richtig. Darauf zielt das Therapiegerüst in Kalksburg ab. Eine Charakteristik der Suchtkranken, speziell der Alkoholkranken, ist, dass sie wie anästhesiert sind. Sie spüren nichts mehr. Die Gerüche, das Schöne, den Anblick der Natur, den Himmel mit den Wolken … Das ist alles gedämpft. Als erstes werden also die Sensitivität und Sinnlichkeit wiedererweckt. Man muss imstande sein, sich selbst Gutes zu tun und Schönes zu erleben. Ohne Suchtmittel. Denn der Süchtige ist gewöhnt, alles damit zu füllen – die empfundene Leere, Probleme, bis hin zu Schmerzen, zu verdrängen. Wenn das Erleben von Schönem und Positiven gemeinsam mit dem körperlichen Wohlgefühl stark genug wird, kann das Bedürfnis nach dem Suchtmittel nach hinten gereiht werden. Das klingt schön und logisch, es in der Wirklichkeit auch zu machen, ist nochmals eine andere Geschichte.

Wie geht es Ihnen jetzt mit dem Outing?

Lorenz Gallmetzer

Foto: KURIER/Gilbert Novy

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Na ja. Einerseits habe ich ein mulmiges Gefühl, weil das hier auch mein erstes Interview ist. Ich bin aus beruflichen Gründen zwar gewohnt, in der Öffentlichkeit zu stehen – aber nicht als Person. Und schon gar nicht als Person mit einer Krankheit, der Alkoholismus ist eine Krankheit. Wo es in unserer Gesellschaft dieses Tabu gibt, an einer psychischen Krankheit zu leiden. Sodass sich im Moment der Wahrheit der Blick der Umwelt auf einen ändert. Sehr radikal. Jemand kann ein bekannter Säufer sein, regelmäßig in Gesellschaft über die Stränge hauen, ausfällig und unangenehm werden – es wird toleriert. Wenn hingegen jemand, der sich nicht so aufführt, sagt: Ich bin alkoholabhängig, also krank und muss mir helfen lassen, da fangen die Leute an, einen Bogen um ihn oder sie zu machen. Das ist das Tabu. Sie wollen nichts mit jemandem, der ein Verlierer ist, zu tun haben. Sie wollen nicht gezwungen sein, sich selbst im Spiegel zu sehen. Weil bei der massiven Verbreitung des Risiko- und Problemtrinkens in unserer Gesellschaft jemand, der sagt, ich bin krank und muss mir helfen lassen, verunsichert.

Was würden Sie einem jungen Menschen, etwa einem 16-Jährigen, der sich jedes Wochenende ansäuft, aus heutiger Sicht mitgeben?

Ich habe gestern Abend rauchend am Fenster gestanden, und da ist ein entzückendes Paar – etwa 17 und 19 – mit Bier in der Hand herumgegangen. Ich merkte, sie sind beide angeschlagen. Einerseits war ich gerührt, mit ein wenig Sehnsucht nach Jugend und dieser Zeit. Stunden später sah ich die beiden wieder. Motorisch nicht mehr so koordiniert, beim Reden auffälliger. Ich dachte, was soll sein. Trotzdem habe ich gemerkt, dass eine leichte Note von Schaudern bis Sorge dabei war. Was ich einem jungen Burschen sagen würde, gilt für die Gesamtgesellschaft: Alkohol zu trinken ist eine lange Tradition, der Alkohol ist unsere Kulturdroge. Deshalb hat man gelernt, damit umzugehen. Aber eben nur relativ. Das Problem: Wir haben nie eine Trinkkultur entwickelt. Im Unterschied etwa zu den Indianern in Lateinamerika, die 5000 Jahre Kokain konsumiert haben, aber eben nur zu rituellen Zwecken. Kontrolliert. Und dennoch ist mit Verboten nichts getan. Ich denke aber, dass eine Erziehung zum gesunden Trinken möglich ist. So wie man lernt, bewusst mit Nahrungsmitteln umzugehen. Auf diese Weise müsste man die Jugend mit der Droge Alkohol von sehr frühem Alter an vertraut machen. Um sie wappnen zu können – dass sie vollen Bewusstseins weiß, was los ist. Denn all meine Gespräche mit Suchtkranken haben gezeigt, dass bei allen der soziale Druck im Jugendalter die Einstiegsdroge war. Nicht die Substanz. Man müsste die Jungen so aufklären, dass sie genau wissen, was passiert, wenn sie zum ersten Bier greifen.

11.09.2016
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Info zu Lorenz Gallmetzer.
Langjähriger Korrespondent – Lorenz Gallmetzer, 1952  in Südtirol geboren, studierte Romanistik, Geschichte und Literatur. Er war jahrelang ORF-Korrespondent in Washington und Paris (siehe Bild).  Nach der Rückkehr nach Wien arbeitete er als Reporter für das ORF-Weltjournal und  schließlich als Sendungschef des Club 2. Der Publizist und Autor lebt in Wien.
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Neues Buch: „süchtig. Von Alkohol bis Glücksspiel. Abhängige erzählen“ lautet der Titel des neuen Buches von Lorenz Gallmetzer (Kremayr & Scheriau, 192 Seiten, 22 Euro).  Der Publizist erzählt darin nicht nur seine eigene Lebensgeschichte – sondern auch jene von zwölf Menschen, die er in der größten Suchtklinik Europas kennengelernt hat.
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Gruß Hubert

„Ich über mich – Oskar Werner“ (3/4)

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Rosemarie Kern spricht mit Eleonore und Felix Werner über deren Vater Oskar Werner. Anhand von Film- und Theaterausschnitten sowie zahlreichen Privataufnahmen wird dabei auf die Karriere von Oskar Werner und dessen Ansichten über den Beruf des Schauspielers eingegangen.

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„Ich über mich – Oskar Werner“ (3/4)

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Gruß Hubert

 

Die schmutzigen Geschäfte der VATIKAN AG – Teil 2

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Fortsetzung von: https://hubwen12.wordpress.com/2016/09/06/die-schmutzigen-geschaefte-der-vatikan-ag/

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Der Informant und seine Kenntnisse

Renato Dardozzi, 1922 in Parma geboren, wurde 1973 als Spätberufener zum Priester geweiht. Seine Studienschwerpunkte waren Mathematik, Ingenieurwissenschaft, Philosophie und Theologie. Er sprach fünf Sprachen fließend. Seine Qualifikationen, seine Diskretion und sein Kontakt mit dem damaligen Kardinalstaatsekretär unter Johannes Paul II., Kardinal Agostino Casaroli verhalfen ihm zu einer steilen Karriere.

Das Staatssekretariat holte Dardozzi 1974 als Mitarbeiter in den Vatikan, und bald kannte er alle Geheimnisse des IOR. Kardinalstaatssekretär Casaroli weihte ihn umgehend in die Ambrosiano-Affäre ein, übertrug ihm wirtschaftliche und finanzielle Kontrollaufgaben und schickte ihn sogar als Vertreter des Vatikans in die bilaterale Untersuchungskommission. Diese war gemeinsam mit dem italienischen Staat gegründet worden, um die Wahrheit über den Crash von Calvis Banco Ambrosiano ans Licht zu bringen. Donnerstags tauschte Dardozzi oft seine Zivilkleidung gegen den langen schwarzen Talar und begab sich hinauf in die päpstliche Wohnung. Er zählte zu den wenigen Italienern, die von Johannes Paul II. zum Essen eingeladen wurden. Der Papst bevorzugte polnische Tischgenossen.

Auch unter Casarolis Nachfolger, Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano, behielt Dardozzi seinen Aufgabenbereich bei.

Lebenslang hielt sich Dardozzi an seine Schweigepflicht, er gab keine Interviews und publizierte nichts. Von seinem umfangreichen Geheimarchiv ahnte niemand etwas. Sein letzter Wille war aber: „Diese Dokumente sollen veröffentlicht werden, damit alle erfahren, was hier geschehen ist.“ (S. 17)

Zu allen von ihm untersuchten Finanzangelegenheiten sammelte Dardozzi Aufzeichnungen in besonderen gelben Mappen. Insgesamt hat er im Laufe von 20 Jahren mehr als 4000 Dokumente sichergestellt. Viele von ihnen sind als Faksimile im Buch publiziert. Das Archiv lag sicher verwahrt im Keller eines entlegenen Bauernhofs im schweizerischen Tessin, dessen Bewohner gar nicht wussten, was sich in ihrem Haus befand. In monatelanger mühevoller Arbeit wurden sämtliche Unterlagen vom Autor dieses Buches gescannt, die Daten geordnet und auf CD-ROM gespeichert, um die Dokumente auf einer Website öffentlich zugänglich zu machen ( www.chiarelettere.it Anmerkung: Link funktioniert nicht, daher dieser Link: http://www.chiarelettere.it/libro/principio-attivo/vaticano-spa.php unter dem Stichwort Vaticano S.p.A.).

Dieses Buch richtet sich nicht gegen den Vatikan. Es gibt Auskunft über die Machenschaften von Männern, die das in sie gestellte Vertrauen enttäuschten. Es möchte Zeugnis ablegen von den Vorgängen hinter den Mauern des Vatikans, abgeschirmt von der Schweizergarde in ihren kobaltblauen Uniformen. Vor allem aber möchte es von den undurchsichtigen Finanztransaktionen des Vatikans berichten. Dabei kann es sich auf die Dokumente eines Mannes stützen, der von den siebziger bis in die neunziger Jahren Zeuge jener Ereignisse war, die den Vatikan, Italien und die Welt erschütterten.

Im ersten Teil des Buches wird die vatikanische Finanzverwaltung rekonstruiert. Der zweite Teil berichtet über die skrupellosen Finanzoperationen, mit deren Hilfe Monsignori und Prälaten nach dem Zusammenbruch der Democrazia Cristiana die Entstehung einer neuen „Großen Partei der Mitte“ unterstützten und Mafiagelder wuschen. (S. 19)

Der Autor und seine Arbeitsweise

Gianluigi Nuzzi arbeitet als investigativer Journalist bei der italienischen Zeitschrift „Panorama“. Seit 1994 verfolgt er die Polit- und Finanzskandale Italiens. Im Frühjahr 2008 erhielt er Zugang zu dem Geheimarchiv des Monsignore Dardozzi.

Ausführliche Quellenbelege nach jedem Kapitel sichern die Zuverlässigkeit bzw. Nachvollziehbarkeit der veröffentlichen Fakten. Am Ende des Buches werden die ca. 30 wichtigsten der in der Publikation genannten Personen in kurzen Portraits vorgestellt. Danach ist ein ausführliches Personenregister angefügt.

Friedrich Halfmann

Mit freundlicher Genehmigung der Internetseite kirchensteuern.de

Gianluigi Nuzzi, VATIKAN AG. Ein Geheimarchiv enthüllt die Wahrheit über die Finanz- und Politskandale der Kirche. Aus dem Italienischen von Friederike Hausmann, Petra Kaiser, Rita Seuß. Salzburg (Ecowin Verlag) 2010, 356 Seiten, 22,50 Euro

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Die schmutzigen Geschäfte der VATIKAN AG – Teil 2

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Die dubiosen Geschäfte der Vatikanbank (von ARD – Monitor)

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Gruß Hubert